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Jeder, der schon mal ein Gebäude von unten nach oben fotografiert hat, hat sich bestimmt darüber gewundert, dass das Gebäude auf dem Foto anders aussieht als bei der Betrachtung ohne Kamera. Wir sprechen hier von stürzenden Linien, die immer dann auftreten, wenn diese Linien nicht parallel zur Abbildungsebene  verlaufen – also zum Film oder Sensor.

Fotografisch löst man dieses Problem der Objekt- oder Architekturfotografie mit Tilt-/Shift-Objektiven oder einer Fachkamera. Die Gummersbacher Firma JOBO bietet mit dem Produkt LensTRUE einen alternativen Ansatz zur nachträglichen Korrektur und Entzerrung des Bildmaterials, den ich euch heute vorstellen möchte.

Die Herausforderung: Proportionen und stürzende Linien

Jeder Fotograf kennt es: Wenn man mit kleinen Brennweiten aus erhöhter oder niedriger Perspektive fotografiert – also wenn die Kamera nach unten oder oben verschwenkt wird – entstehen stürzende Linien und die Proportionen der Objekte verändern sich. Dabei sieht das Motiv verzerrt aus, also Gebäude sehen aus, als wenn sie nach hinten kippen würden, Personen haben entweder einen zu kleinen oder zu großen Kopf im Verhältnis zum Rest des Körpers. Zur Veranschaulichung zwei Beispielaufnahmen, die ich aus dem Archiv herausgesucht habe:

Blick vom Altstädter Rathaus auf Teynkirche
Prag, Blick vom Altstädter Rathaus auf Teynkirche
Mallorca 2013, Capdepera, Carrer Major
Mallorca 2013, Capdepera, Carrer Major

Bei dem Bild aus Prag mit Blick vom Altstädter Dom fällt auf, dass z.B. die Häuser am linken Bildrand nach vorne, also in Richtung Fotograf kippen. Beim Bild aus Capdepera, Mallorca ist zu erwähnen, dass hier die Kamera in drei Richtungen verschwenkt wurde. Sie wurde um die Y-Achse gedreht und damit ist die Abbildungsebene nicht parallel zur Hausfront. Zudem wurde die Kamera in der Z-Achse gekippt, um die linke Hauswand parallel zum Bildrand auszurichten und ist somit deutlich aus der Waagerechten gedreht. Zusätzlich wurde sie um die X-Achse nach oben gerichtet, um das Haus als Ganzes aufnehmen zu können. Als Ergebnis ist deutlich zu erkennen, wie die rechte Hausecke nach hinten kippt.

Bleiben wir bei diesen beiden Aufnahmen und schauen uns an, welche Möglichkeiten der Entzerrung z.B. Lightroom bietet, das seit der Version 5 über die Objektivkorrektur „Upright“ verfügt. Das Bild aus Prag wurde mit der Upright-Funktion „Vertikal“ bearbeitet und dann ohne beschränkten Zuschnitt aus Lightroom exportiert – hier die beiden Bilder im direkten Vergleich:

Besonders am linken Bildrand sieht man, wie die Hausfassade gerade ausgerichtet wurde und nun parallel zum Bildrand verläuft. Gleiches gilt übrigens für fast alle senkrechten Linien im Bild – mit Ausnahme des rechten Bildrand.

Das Bild aus Mallorca nachstehend links im Original, in der Mitte mit der Verwendung von LR-Upright „Vertikal“ und rechts mit der Anwendung der LR-Objektivkorrektur Upright „Voll“:

In dieser 3er-Serie sieht man deutlich, wie LR-Upright „Vertikal“ sich nur auf die Korrektur der stürzenden Linien beschränkt und dabei die Proportionen vollkommen unberücksichtigt lässt. Die LR-Upright Funktion „Voll“ korrigiert das Bild dahingehend, dass versucht wird, die Zentralprojektion anzuwenden. Das veränderte Bild soll so Eindruck zu erwecken, dass der Fotograf zum Zeitpunkt der Aufnahme zentral vor dem Objekt gestanden hat. Dabei entsteht der größte Verlust an Bildinformation bei einer optionalen Beschränkung des Zuschnitts – wie das nachstehende Bild zeigt, das auf das Seitenverhältnis 1:1 zugeschnitten wurde:

Zuschnitt in Lightroom auf Seitenverhältnis 1:1

Zusätzlich zum Verlust an Bildinformationen kommt auch die Veränderung der Bildqualität. Am linken Bildrand ist dies durch das Stauchen der Hausecke und die Reduzierung der Pixel nicht so auffällig wie am rechten oberen oder unteren Fenster – diese sind deutlich größer als im Ausgangsbild. Diese fehlenden Informationen wurde durch Interpolation hinzugerechnet. Das Lightroom diese Aufgabe nur mäßig gut erledigt, zeigt die vergrößerte Ansicht des Bildes. Dies wäre einer der Punkte, die bei JOBOs LensTRUE zu prüfen sind.

In der Box

DSC02191Kommen wir also zum Herausforderer LensTRUE von JOBO. Das LensTRUE System wird in einer schicken Box geliefert und enthält neben einem gedruckten Schnelleinstieg und dem LensTRUE meter – das unter die Kamera geschraubt wird – auch einen kleinen USB-Stick. Auf ihm sind das PDF-Handbuch und der Software LensTRUE Visualizer zu finden, der gleichzeitig auch als Lizenz-Dongle funktioniert, wenn das LensTRUE meter nicht an den Rechner angeschlossen ist. Zusätzlich sind im Paket noch ein USB-Kabel zum Anschluss des LensTRUE meter an den Rechner und ein Kabel zum Anschluss des LensTRUE meter an die PC-Syncbuchse der Kamera (multiUSB-Anschluss bei den Spiegellosen) enthalten – die Kabel sind hier nicht abgebildet.

Hierzu eine Anmerkung: Das Kabel für die Verbindung zwischen LensTRUE meter und PC-Syncbuchse ist dazu gedacht, um das Auslösesignal vom PC-Syncanschluss (häufig für Studioblitzanlagen verwendet) abzugreifen, wenn der Anschluss für einen Fernauslöser (Kabel oder Funk) eben von einem solchen belegt ist.

Besitzer einer spiegellosen Sony-Kamera haben nun folgendes Problem, wenn z.B. Bilder vom Stativ und unter Verwendung eines Kabelauslösers, der an die multiUSB-Buchse angeschlossen wird, gemacht werden sollen. Die spiegellosen Sonys haben keinen PC-Sync-Anschluss – dieser fehlt wohl aus Platzgründen – und der multiUSB-Anschluss ist vom Kabelauslöser belegt. Eine Möglichkeit wäre der Anschluss des Sync-Kabels über einen aufgesteckten Blitzadapter mit PC-Syncbuchse. Ideal wäre ein multiUSB-Adapter, mit dem man sowohl den Kabelauslöser als auch das LensTRUE meter an die Kamera anschliessen könnte. Besitzer von unterstützten Sony-Kameras mit A-Mount wie z.B. der Sony Alpha 99 sind davon nicht betroffen, denn die Kamera verfügt über einen PC-Syncanschluss.

Das wichtigste Merkmal des LensTRUE Systems ist wohl die Entzerrung stürzender Linien unter Beibehaltung der Proportionen bis zu einem Neigungswinkel von 35° (Shift-Objektive beispielsweise unterstützen nur 11°). Weitere Merkmale des Systems sind neben der Korrektur einer Kissen- oder Tonnenverzeichnung des Objektivs, die Integration eines RAW-Konverters und die Möglichkeit einer individuellen manuellen Korrektur.

Für den Preis von 990 € inkl. MwSt. darf man etwas erwarten – also schauen wir uns an, was die Kombination aus Hard- und Software zu leisten vermag. Hierbei steht für mich ganz klar der Vergleich zu Lightroom im Vordergrund, denn wie erwähnt bietet Lightroom seit der Version 5 die Upright-Funktion.

Architektur

Beispiel 1: Das Tommy-Weisbecker-Haus, Wilhelmstraße, Berlin

Eines der ersten Bilder mit der Sony A7RII habe ich mit angeschlossenem LensTRUE-System gemacht. Mir hat dieses Motiv gefallen, weil genau zu dem Zeitpunkt, als ich mich vor dieses Haus stellte, die Sonne durch den kleinen Spalt zwischen Tommy-Weissecker-Haus und dem Nachbarhaus schien – hier das Original aus Lightroom mit angewendeter Objektivkorrektur (Verzeichniskorrektur per Objektivprofil):

Original + Objektivkorrektur
Original mit angewendeter Objektivkorrektur

Im „Automatikmodus“ erzeugt der LensTRUE Visualizer exportiert als Vollbild und in der beschnittenen Variante folgendes Ergebnis:

Obwohl der LensTRUE Visualizer die shots.txt, die ich zuvor in das entsprechende Verzeichnis mit den Bildern kopiert habe und die alle Neigungswerte der Kamera zur Verfügung stellt, richtig interpretiert, kippt das Haus leicht nach rechts. Es handelt sich hierbei keinesfalls um eine optische Täuschung, denn bei Auflage des Rasters ist klar zu erkennen, dass das Haus nicht richtig gerade ausgerichtet wurde, wie nachfolgender Screenshot zeigt:

DSC00003_Screenshot_Auto
Screenshot LensTRUE Visualizer

Durch anpassen der Transformation (X +0.6, Y -1.4 und Z -0.2) wurde folgendes Ergebnis als Vollbild und im Beschnitt erzielt:

Dazu nun im Vergleich das Resultat, das mit der Upright-Funktion in Lightroom 6 erstellt wurde: Es wurde manuell angepasst  (Upright vertikal, Vertikal +18, Horizontal -4, Drehen +0.2) und anschließend Beschnitten:

Auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse gleich aus. Schaut man aber genau hin, so erkennt man, dass in Lightroom die Proportionen der rechten Hälfte des Tommy-Weisbecker-Hauses nicht stimmen. Auch nutzt Lightroom den Verlauf der Straße als horizontale Hilfslinie, was die Verzerrung der Proportionen im Haus weiter verschlimmert – besonders gut erkennbar im Übergang der Fassade vom Erdgeschoß zur 1. Etage.

Ich habe versucht das noch besser in Lightroom zu korrigieren, aber das ist ein schier unmögliches Vorhaben, denn irgendeine Proportion ist immer falsch, ob es der Wagen am rechten Bildrand ist oder irgendeine Ecke am Haus. Als Fazit gefällt mir das Resultat aus LensTRUE bei genauem Hinsehen am besten, das ich dann auch final für die veröffentlichte Variante mit abschließender Bearbeitung genommen habe:

Tommy-Weisbecker-Haus, Wilhelmstraße
Finales Bild, korrigiert per LensTRUE, Bearbeitung LR

Beispiel 2: Altes Portal Anhalter Bahnhof, Stresemannstraße, Berlin

Als zweites Beispiel aus der Architekturfotografie habe ich ein Motiv gewählt, das extreme Korrekturen erfordert, bedingt durch den kurzen Abstand zum Motiv und die damit verbundene starke Neigung von 23,7°:

Original + Objektivkorrektur
Original mit angewendeter Objektivkorrektur

Bei diesem Beispiel habe ich die gleichen Schritte wie beim ersten Beispiel angewendet – werfen wir also zuerst einmal einen Blick auf die automatische Entzerrung durch den LensTRUE Visualizer ohne und mit Beschnitt:

Bedingt durch die kurze Entfernung zwischen Kamera und Motiv und die starke Neigung entsteht bei der vollständigen Korrektur der stürzenden Linien ein derart starker Beschnitt, der das Bild ohne „Hinzuerfinden“ von Bildinhalten unbrauchbar macht. Deshalb habe ich auch hier die Transformation manuell durch das Einstellen von +15 auf der X-Achse angepasst, um die Korrektur zu reduzieren und somit den Bildverlust einzudämmen:

Durch die Reduzierung der Korrektur zeigt das Motiv zwar wieder stürzende Linien, jedoch wirkt der Überhang an der Spitze der vorderen Säule nicht mehr ganz so übertrieben. Werfen wir noch einen Blick auf die Ergebnisse, die in Lightroom erzielt werden können – im ersten Schritt durch einen Klick auf „Vertikal“ der Upright-Funktion, wieder als Vollbild und in der beschnittenen Variante:

Vergleichen wir nun die beschnittenen Ergebnisse von LensTRUE Visualizer und Lightroom Upright in der automatischen Version ohne manuellen Eingriff:

Bei diesem Motiv mit extremen Standpunkt und starker Neigung gefällt mir das Ergebnis aus Lightroom beim Vergleich der automatischen Korrektur besser, denn auch wenn LensTRUE die Proportionen korrekt abbildet, so wirkt die Dachspitze der ersten Säule einfach zu groß und dominant; das Lightroom-Ergebnis, auch wenn es in der proportionalen Darstellung rechnerisch falsch ist, wirkt gefälliger und natürlicher. Bleibt noch der Blick auf das Lightroom-Resultat bei manuellem Eingriff durch Reduzierung der Korrektur in der Vertikalen um -9 sowie der Vergleich der beiden manuell angepassten Korrekturen aus LensTRUE Visualizer und Lightroom:

In zweiten Beispiel gefällt mir letztlich die manuell angepasste Korrektur per Lightroom Upright besser und das aus zwei Gründen:

  1. Die Proportionen sind vielleicht nicht mathematisch korrekt, wirken aber nicht so übertrieben wie beim Ergebnis aus LensTRUE Visualizer
  2. Im Ergebnis aus Lightroom bleiben trotz geringerer Ausprägung der stürzenden Linien (siehe hintere Säule am linken Bildrand) mehr Bildanteile übrig (siehe oben rechts oder vor der ersten Säule)

Beispiel 3: Virtueller Perspektivwechsel

In diesem Beispiel geht es darum, eine Besonderheit des JOBO LensTRUE Systems zu zeigen: den virtuellen Perspektivwechsel. Hierbei geht es darum, das Objekt im Bild möglichst so darzustellen, als hätte man es aus der Zentralperspektive aufgenommen, also direkt mittig vor dem Gebäude stehend. Sinnvoll ist das z.B. dann, wenn diese Aufnahmeposition aus baulichen Gründen nicht eingenommen werden kann – wie bei der folgenden Aufnahme:

Original
Original

Die LensTRUE Visualizer Autokorrektur erzeugt folgendes Ergebnis als Vollbild und entsprechend beschnitten:

Im LensTRUE Visualizer habe ich nun über eine Korrektur von -12° in der Y-Achse einen virtuellen Perspektivwechsel durchgeführt und somit eine fast zentralperspektivische Sicht erzeugt:

Die beschnitten Varianten sehen wie folgt aus:

Lightroom Upright bietet eine ähnliche Funktionalität mit Upright „Voll“. Den Vergleich der beschnittenen Varianten aus LensTRUE und Lightroom möchte ich hier auch zeigen:

Auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse vielleicht gleich oder ähnlich aus, aber bei genauerem Hinsehen offenbart Lightroom „Upright“ einige Schwächen. So zeigen sich in der Lightroom-Korrektur an den Rändern immer noch leicht schräg verlaufende, vertikale Linien und die Dachkanten der Gebäude zeigen leichte Fehler. Eine manuelle Korrektur habe ich nach einiger Zeit aufgegeben. In beiden Lösungen ist der Verlust an Bildteilen beim virtuellen Perspektivwechsel enorm.

Besonders das zweite und dritte Beispiel haben mir zwei Dinge gezeigt: Einerseits sollte man vor der Aufnahme eines Architekturmotivs mit dem LensTRUE System diese so planen, dass genug Bildmaterial um das Hauptmotiv belassen wird. Dies vergrößtert im Nachhinein die Möglichkeiten des Beschnitt – besonders wenn man die proportionsgerechte Korrektur und den virtuellen Perspektivwechsel per LensTRUE Visualizer anstrebt. Andererseits bin ich überrascht, dass eine „kostengünstige“ Lösung wie die Upright-Funktion in Lightroom mithalten kann, was aber daran liegt, dass sich Lightroom Upright bei diesen Beispielen besonders gut an den vertikalen und horizontalen Linien orientieren kann und somit die Korrektur vereinfacht. In den nächsten Beispielen geht es um Motive aus der Portraitfotografie, wo Lightroom diese Möglichkeiten nicht oder nur bedingt nutzen kann und bei denen LensTRUE Visualizer durch die erhobenen Daten des LensTRUE meter deutlich im Vorteil sein sollte.

Portraitfotografie

Sehr gespannt war ich auf die Ergebnisse in der Portraitfotografie und habe dazu von einem zeitlich ohnehin schon knapp bemessenen TfP-Shooting ganz am Anfang 10 Minuten abgezweigt, um ein paar Aufnahmen mit dem LensTRUE meter an der Sony Alpha 7 zu machen. Dazu möchte ich ein paar Anmerkungen vorausschicken: Die schräge und schiefe Kamerahaltung ist bei den, für diesen Test gemachten Aufnahmen durchaus beabsichtigt und auch zweckmäßig, um die Korrektur von LensTRUE Visualizer und Lightroom Upright zu verdeutlichen. Der Hintergrund ist bei einigen Aufnahmen mit Vorsatz überbelichtet und durch Bokeh unscharf, um es Lightroom schwerer zu machen die Korrektur anhand von Linien im Bild durchzuführen. Alle Bilder eines Beispiels sind mit den gleichen Entwicklungseinstellungen in Lightroom final bearbeitet worden – Unterschiede im Aussehen ergeben sich in der Anwendung der Entwicklungsparameter auf RAW- und TIF-Dateien.

1. Beispiel

An dieser Stelle muss ich mich zum ersten Mal bei meinem Model für die Bilder entschuldigen, denn wir fangen mit einem schlechten Portraitfoto an: Ich habe die Kamera nicht waagerecht gehalten und fotografierte das Model mit einer Neigung von -3,5° von unten nach oben.

20151004_DSC03105_ILCE-7
Original, Brennweite 35mm, Neigung -3,5°

Das LensTRUE meter hat diese Verschwenkung der Kamera registriert und LensTRUE Visualizer nimmt anhand dieser Parameter die folgende automatische Korrektur vor:

Als Konsequenz aus dem Beschnitt des korrigierten Bildes fehlt dem Model nun die rechte Hand – wieder der gleiche Fehler des Fotografen, wie auch schon bei der Architekturfotografie. Ich habe mich immer noch nicht so richtig daran gewöhnt, beim Arbeiten mit LensTRUE etwas mehr Raum um das eigentliche Motiv zu lassen. Viel interessanter ist aber der Vergleich zwischen den Ergebnissen der Korrektur zwischen LensTRUE und Lightroom Upright, wie die beiden nächsten Bilder zeigen:

Hier zeigen sich deutlich die Stärken von LensTRUE gegenüber Lightroom hinsichtlich der proportionsgerechten Perspektivkorrektur. Obwohl die Bildausschnitte annähernd gleich sind, so zeigt Lightroom eine deutliche und durchaus als negativ zu bewertende, fehlende Korrektur der Gesichtsproportionen und des Oberkörpers – auch wenn Letztere nicht so offensichtlich ist.

2. Beispiel

In diesem Beispiel mache ich es etwas leichter für Lightroom, denn im Hintergrund und auf dem Boden gibt es, wenn auch unscharf, ausreichend Informationen zur Erkennung der Kameraverschwenkung. Das Bild wurde mit einer Brennweite von 55 mm bei einer Neigung von 5.8° gemacht – also einer leichten Aufsicht.

Original
Original, 55 mm, Neigung 5,8°

Auch hier wieder der Vergleich der LensTRUE Automatikkorrektur, ohne und mit Beschnitt. Außerdem der Vergleich von beschnittener LensTRUE Korrektur und der Lightroom Korrektur mit Upright „Auto“:

Die Unterschiede in der Korrektur zwischen LensTRUE und Lightroom Upright sind hier offensichtlich: Dort, wo LensTRUE sich auf die per LensTRUE meter erfassten Daten verlassen kann, bleibt Lightroom Upright nur die Orientierung an vertikalen und horizontalen Linien und Strukturen im Bild. Diese sind hier ausreichend gegeben, was letztlich auch dazu führt, dass die Säulen im Bildhintergrund bei Lightroom Upright gerade ausgerichtet sind. Der Kopf des Models wirkt in der Lightroom-Variante kleiner. Tatsächlich würde ich dem Model in beiden Bildern bei isolierter Betrachtung ein normales Aussehen bescheinigen; im direkten Vergleich sind die Proportionen der LensTRUE-Version natürlicher. Vergleichen wir zum Abschluss dieses Beispiels noch die automatisch korrigierte und beschnittenen Version aus LensTRUE mit dem Original und der Lightroom Upright Variante, jeweils mit an LensTRUE angepasstem Beschnitt:

Um die 3 Bilder des zweiten Beispiels genau analysieren zu können benötige ich eine optische Hilfe, denn vordergründig gleichen sich die im Beschnitt angepassten Ergebnisse sehr. Im Hintergrund gibt es Unterschiede, die aber für ein Portrait nicht ausschlaggebend sein sollten, auch wenn sie vielleicht letztlich beim ein oder anderen  Betrachter ausschlaggebend sein können. Zur Analyse des Hauptmotivs habe ich die 3 Ergebnisbilder in ein Bild montiert und mit horizontalen Hilfslinien versehen:

Vergleich_Original_LensTRUE_Portrait2

Hier wird nun erkennbar, was in der Galerie beim Wechseln zwischen den Bildern nicht sofort auffällt: Sowohl LensTRUE als auch Lightroom Upright „Auto“ nehmen Veränderungen an den Proportionen vor – gut erkennbar an der Länge des Kopfes und der Gesamtlänge der Beine. Dabei profitiert Lightroom in diesem Beispiel von der Vielzahl der horizontalen und vertikalen Linien und schafft somit ein Ergebnis, welches nahe an den korrigierten Proportionen des JOBO LensTRUE Systems ist.

3. Beispiel

Soweit scheint LensTRUE also durchaus auch eine Lösung zu sein, die sich nicht nur für die klassische Architekturfotografie und als Ersatz für ein Shift-Objektiv eignet, sondern auch ihre Berechtigung in der Portraitfotografie findet – besonders da es ohne Stativ benutzt werden kann. Das dritte Beispiel ist etwas extremer mit einer Neigung von -23,4° und dem Blick nach oben. Die Idee war ein Souvenir-Foto zu erzeugen – Hauptsache die Domspitzen sind mit im Bild.

20151004_DSC03167_ILCE-7
Original, 35mm, Neigung -23,4°

Natürlich sind Bildidee und Pose fragwürdig, aber hier geht es ausschließlich darum zu sehen, was die beiden Softwarelösungen aus dieser Aufnahme machen. Wie schon zuvor auch hier die Ergebnisse aus LensTRUE Visualizer, ohne und mit Beschnitt:

Spätestens jetzt ist eine förmliche Entschuldigung beim Model nötig, denn was im Originalbild vielleicht noch als „nettes“ Erinnerungsfoto vor dem Kölner Dom durchgeht, verwandelt sich in beiden Softwarelösungen durch die Korrektur zu einer fast grotesken Verzerrung der Körperproportionen und dabei ist die von JOBO vorgegebene Neigungsgrenze von 35° mit -23,4° nicht überschritten. So ist das eben: Man kann nicht alles haben. In diesem Fall belässt man es einfach bei der Orginalversion und nimmt dann lieber in Kauf, dass der Kölner Dom leicht nach hinten kippt – dafür sind dann eben die Spitzen der beiden Türme mit auf dem Bild.

Fazit

Mein Fazit ist eindeutig pro JOBO LensTRUE System, denn diese Lösung bietet starke Vorzüge:

  • Jedes (unterstützte) Festbrennweiten- und Zoomobjektiv wird zum Shift-Objektiv, was einen enormen Kostenvorteil darstellt
  • Freies Arbeiten ohne Stativ und flexiblere Wahl der Aufnahmeposition als mit Shift-Objektiven, auch durch Vergrößerung des Neigungswinkels auf 35° gegenüber eingeschränkten 11° bei Shift-Objektiven
  • Virtueller Perspektivwechsel bei gleichzeitiger Beibehaltung der Proportionen

Wenn es in der Architekturfotografie auf absolut fehlerfreie Korrektur der Proportionen ankommt, ist das LensTRUE-System ein „must have“, denn die korrekte Abbildung der Proportionen sind in Lightroom „Upright“ nicht wirklich möglich. Eine Korrektur von stürzenden Linien und virtueller Perspektivwechsel gelingt in Lightroom nur mit viel „Fummelei“ und etwas Glück. Aber aufgepasst – vermutlich sind unsere Sehgewohnheiten durch die tägliche Bilderflut entwöhnt, so dass wir nicht direkt mit den richtig korrigierten und dargestellten Proportionen im Bild klarkommen und so mancher die nicht korrigierte Version oder die Korrektur durch Lightroom als gefälliger einschätzen wird. Für hochwertige Immobilien-, Innenarchitekturfotografien und Exposés halte ich LensTRUE aber für unverzichtbar.

In der Portraitfotografie halte ich LensTRUE für durchaus empfehlenswert, denn z.B. im Gesicht fallen falsche Proportionen direkt und unschön auf, zumal sie für die abgebildeten Personen nicht sehr schmeichelhaft sind. Jedoch ist auch hier der Einsatzbereich nicht universell und ich würde für Portraits die Neigungsgrenzen sogar enger als 35° definieren, was aber in der Praxis kein Problem darstellen sollte – Portraits werden doch eher selten aus stark erhöhter oder sehr tiefer Position erstellt. Lightroom Upright kann hier in einigen Situationen mithalten, wie im zweiten Beispiel mit den vielen horizontalen und vertikalen Linien. Interessant wäre hierbei zu sehen, wie Lightroom Upright funktioniert, wenn unterstützende Strukturen und Hilfslinien im Hintergrund fehlen – Beispieldaten hierfür werde ich bald nachliefern.

Die Idee der proportionsgerechten Perspektivkorrektur ist klasse und aktuell mit dem JOBO LensTRUE System einzigartig auf dem Markt. Die zum Zeitpunkt des Artikels verfügbare Software in der Version 2.0.2 läuft sehr stabil; könnte gefühlt etwas schneller sein, aber welche Software läuft schon schnell genug.
Kleinere Schwächen und fehlende Funktionalität werden sicherlich nach und nach ausgemerzt bzw. eingebaut. Das Einstellen der Werte für die Anpassung der Transformation läuft etwas träge, besonders bei der Transformationsanpassung von RAW-Dateien empfiehlt es sich, die Vorschaugröße in den Anzeige-Einstellungen auf 512 Pixel Bildbreite zu reduzieren. Schade ist auch, dass die Werte der angepassten Transformationen für alle Bilder gelten. Das Entfernen des Hakens bei „Transformationen anpassen“ setzt die Werte zurück – die eingestellten Werte sind verloren und müssen manuell wiederhergestellt werden. Einige Einstellungen sind aus meiner Sicht auch etwas versteckt, wie z.B. die Wahl des Zielordners, um die Ergebnisse zu speichern. Eine schnell wählbare Option zur Speicherung der TIF-Dateien im gleichen Ordner wie die Quelldateien halte ich für sinnvoll, denn so könnte man diese Dateien schnell in den Entwicklungs-Workflow von Lightroom einbinden.
Ach, und noch ein wichtiges Detail: Der LensTRUE Visualizer läuft aktuell nur auf dem Mac; Windows-Nutzer sind derzeit außen vor.

Bleibt noch die Frage, ob das JOBO LensTrue System den Preis von 990 € inkl. MwSt. Wert ist, worauf ich keine allgemein gültige Antwort geben kann. Für den Profi-Fotografen, dessen Kunden den Anspruch haben, ihre Objekte und Produkte proportionsgerecht abgebildet zu sehen, ist das System besonders wertvoll. Anhand der Liste der unterstützten Kameras und Objektive ist erkennbar, dass sich JOBO dieser Zielgruppe bewusst ist – hierzu ein großes Lob an den Hersteller, denn die Anzahl unterstützter Kameras und Objektive (wenn auch nur Vollformat und größer) ist vorbildlich! JOBO LensTRUE täte einigen Portraitfotografen gut, denn so manche Werbung mit Personen, die in den Straßen zu sehen ist, weist tatsächlich deutliche Fehler in den Proportionen der abgebildeten Personen auf – etwas, dass mir erst seit der Arbeit mit LensTRUE und der Erstellung dieses Artikels bewusst ist. Technikaffine Amateure und Hobbyfotografen, aber vielleicht auch Immobilienmakler, Architekten und Raumausstatter, die Kameras mit APS-C Sensoren verwenden, kommen hier noch nicht zum Zug, denn das LensTRUE-System unterstützt zur Zeit nur Kameras mit Kleinbild- und Mittelformatsensoren (Pentax 645) – verständlich, denn der Aufwand zur Erstellung von Sensor- und Objektivprofilen bei der Vielzahl der am Markt vorhandenen APS-C Systeme und Kombinationsmöglichkeiten von Kamera und Objektiv ist enorm.

Das LensTRUE System kann nicht nur Tilt-Shift-Objektive durch beliebige (unterstützte) Festbrennweiten- und Zoomobjektive ersetzen, sondern den möglichen Neigungswinkel mit diesen flexibleren Objektiven auf 35° deutlich vergrößern. Die zusätzlichen, betriebswirtschaftlichen Vorzüge liegen damit auf der Hand, wenn man bedenkt, dass eine Tilt-Shift-Festbrennweite von Canon oder Nikon kaum unter 1.500 € zu bekommen ist und es von Sony keine Tilt-Shift-Objektive mit entsprechendem Bajonettanschluß gibt.

Alle Details zum LensTRUE System sowie die stetig wachsende Liste der aktuell in der Software hinterlegten Kamera- und Objektivtypen sind unter http://www.lenstrue.com zu finden. Das Komplettsystem kann für 990 Euro inkl. MwSt. über den Online-Shop von JOBO bestellt oder für 50 € 10 Tage gemietet werden.

About The Author

Jörg Haag ist Unternehmensberater und freiberuflicher Fotograf. 1967 in der Eifel geboren entdeckte er mit 22 Jahren die Fotografie und nutzte bis vor ca. 10 Jahren analoge Kameras von Minolta. Über digitale Kompaktkameras stieg er 2007 mit einer alpha 700 in die Welt der digitalen Spiegelreflexkameras ein. Heute nutzt Jörg neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für seine fotografischen Arbeiten, wobei er den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätzt.

4 Comments

  1. Für mich ist der Aufwand nicht akzeptabel, Mg sein, dass für Architekten der Einsatz dienlich sein kann. M.E.geht den Aufnahmen die Dynamik verloren.
    Eine Anmerkung zu den „Modeaufnahmen“ – schade , dass der Fotograf es gestattet hat, dass die Dekadenz , die in der zerrissenen Hose liegt, mit unterstützt hat. Vielleicht sollte er sich mal erkundigen, unter welchen Umständen die Hose entstanden ist, die produzieren Arbeiter unter gesundheitlichen Schäden leiden und welche Preise für mutwillig zerstörte Kleidung verlangt und bezahlt werden. Wenn ein Dekadenz-Papst hiermit wirbt, ist es doch sehr fraglich, diese zu unterstützen.

    • Aufwand und Kapitaleinsatz werden im Vergleich zu klassischen Mitteln wie Shift-Objektive oder Fachkamera sogar deutlich reduziert und das nicht nur für Architekturfotografen, die wohl von Architekten beauftragt werden um optisch und in den Proportionen korrekte Aufnahmen ihrer Architektur anzufertigen.
      Der Fotograf ist sich der Tatsache bewußt, dass einige der Kleidungsstücke, welche die Models auf meinen Fotografien tragen, unter verwerflichen Umständen gefertigt werden. Vielleicht sollte ich meine Peoplefotografie in der Zukunft auf den Bereich Akt beschränken.

  2. Wenn ich das richtig verstehe, werden von LensTrue -unter Berücksichtigung von Kamera- und Objektivkonstanten (aka“-profilen“) die Neigungswinkel der Kamera bei der Aufnahme ausgewertet und die perspektivischen „Fehler“ entsprechend herausgerechnet, bzw. nach manuell-angepaßten Einstellungen angepaßt? Die Korrekturen gehen als in jedem Fall zu Lasten der Auflösung. Ein echter Ersatz von Til/Shift -Verstellungen kann es also nicht sein. Trotzdem ist es eine sehr interessante Idee für die Erweiterung der Möglichkeiten!

    Jetzt stellt sich für mich allerdings die Frage, ob nicht die in vielen Kameras (insbesodere Spiegellose) bereits vorhandene elektronische 3D-Wasserwaage ausgewertet werden könnte. Dann hätten wir eine Softwarelösung. die mittels Fotos von einheitlichen Referenzgittern (ähnlich wie bei Software-optimierten 360°-Produktaufnahmen) um Kalibrierungen weiterer Optik-Kamera-KOmbinationen erweitert werden könnte.

    Oder ist mir ein technisch komplett neuer Ansatz entgangen?

    P.S. Vielen Dank für den Test und die Vorstellung des Jobo-LensTrue!

    • Ja, das ist soweit richtig verstanden bis auf den Einwand mit der Auflösung. Bei der Verwendung von Shift-Objektiven werden ab einer bestimmten Shiftung (ab ca. 70% des maximalen Shiftweges) am Rande des Bildkreises Fehler wie z.B. chromatische Aberration und Distorsionen verstärkt. Bei vergleichbarem Shift-Weg bzw. vergleichbarer Neigung sind diese Fehler bei LensTRUE nicht vorhanden. Die Qualitätsverluste durch Transformation sind minimal, ortsabhängig und beim direkten Vergleich von Shift-Objektiv und LensTRUE ist die Qualität als identisch zu bezeichnen. Weiterführende Information liefert hierzu ein PDF zum Artikel aus der ColorFoto im LensTRUE Pressespiegel unter http://www.lenstrue.com/lenstrue-pressespiegel/ oder dieser Link: http://www.lenstrue.com/lenstrue-oder-shift-objektive/

      Die Verwendung der kamerainternen Neigungssensoren ist schon länger im Visier des Herstellers, allerdings sind diese nicht ausreichend genau um die Parameter für die Transformation zu liefern. Die im LensTRUE meter verbauten Sensoren sind auf 0,5° genau. Sollten die Kamerahersteller in Zukunft empfindlichere Sensoren verbauen lässt sich dieser Ansatz sicherlich verfolgen.

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