Was war – was ist – was wird

Im Vorfeld der Photokina schossen uns schon einige deprimierende Gedanken durch den Kopf: Das könnte die langweiligste Photokina seit langem werden. Doch weit gefehlt. Zwar wussten wir, dass Panasonic mit der GH2 im Gepäck zur Messe in Köln kommt, doch von Olympus, Sony,  Samsung und Leica hatten wir nichts gehört. Aber dann wurde es kurzfristig doch noch recht interessant.

Panasonic – Höhenflug mit der GH2

Das im (spiegellosen) Systemkamerabereich spannendste Produkt, die neue Panasonic GH2, konnten wir ja schon einige Wochen vor der Photokina begutachten und einem Kurztest unterziehen. Die GH2 begeisterte uns vollends und wir haben auch stark angenommen, dass sie bei allen Micro FourThirds-Freunden gut ankommt. Ein wahnsinnig schneller Autofokus, ein besserer Sucher, bessere Video-Funktionen, eine etwas bessere Bedienung, mehr Auflösung, mehr ASA, die neue Touch-Bedienung – insgesamt eine schöne und begehrenswerte Weiterentwicklung des Topmodells. Panasonic zeigt, was technisch zur Zeit möglich ist, und bleibt dabei doch auch bezahlbar. Der Hersteller hat mit der GH2 eine neue Duftmarke gesetzt, an der sich nicht nur Olympus, sondern auch Sony und Samsung orientieren können. Gerade Olympus hat hier sicherlich Nachholbedarf, gerade hinsichtlich der AF-Geschwindigkeit, denn diese ist bei den aktuellen Olympus-Modellen ja immer noch um einiges langsamer als bei der ersten Panasonic MFT-Generation (G1). Im Vergleich zur neuen GH2 tun sich jetzt schon Welten bei Geschwindigkeit und Auslöseverzögerung auf. Aber auch für Sony und Samsung gibt es diesbezüglich Nachholbedarf.

Olympus – MFT mau – FT kriselt

Hü oder Hott, oder doch nur Hü? Mit Bedauern mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass Olympus im Micro FourThirds-Segment nicht Neues zur Messe zu bieten hatte. Olympus´ Beitrag zur Photokina bestand in diesem Jahr in der Ankündigung von 2 Retro-Kits der PEN E-P2 rund drei Wochen vor der Messe – und das sollte es schon gewesen sein. Die gleichzeitig vorgestellten M.Zuiko Digital ED Optiken sind zwar schön, aber eben auch nichts, worauf der Markt sehnsüchtig gewartet hat. So weit, so gut.

Schon sehr bemerkenswert war jedoch, was bei Olympus vor und während der Messe im FourThirds-Bereich passierte: Nachdem es schon vor geraumer Zeit mit Neuentwicklungen sehr ruhig geworden war – gerade auch im Optikbereich um FourThirds -, wußte die Gerüchteküche schon lange vor Öffnung der Messeöffnung von der Einführung der neuen E-5 zu berichten. Immer wieder tauchten auch Gerüchte um die Einstellung von FourThirds auf. Kaum war die E-5 vorgestellt und in den Internet Foren recht zwiespältig aufgenommen (“nur Sensor einer PEN-Kamera” – “die hätte E-3.1 heißen sollen”), überschlugen sich aber die Informationen in der Netzwelt. Ein hochrangiger Olympus-Manager verkündete die Einstellung der FourThirds-Objektiv-Entwicklung. Tja, war es das in der FT-Welt bei Olympus? Oder doch nicht? Es sollen auf jeden Fall aber noch weitere Kameras erscheinen, also: vielleicht, oder aber auch nicht. Abhängig davon, was sich rechnet und wie schnell Micro FourThirds professioneller wird. Und man plane eine FourThirds-Kamera, die spiegellos sei. Ein großes Hin und Her, auf jeden Fall sehr viel Verunsicherung und dafür nichts, was dazu beiträgt, bestehende FourThirds-Kunden bei der Stange zu halten oder gar Neueinsteiger für dieses System zu finden. Man muss doch mal ehrlich sein: Niemand will wirklich die FourThirds-Optiken mit großem Gewicht und langsamen Autofokus an einer PEN-Kamera betreiben. Das macht doch keinen Spaß! Und der Micro FourThirds-Bereich bei Olympus ist insgesamt noch weit von dem entfernt, was das FourThirds-System heute zum Beispiel mit der neuen E-5 bietet. Die Anzahl der FourThirds-Freunde ist ja auch nicht gerade wachsend. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit kann man die Abwanderung der ehemaligen FourThirds-Anwender in Richtung Canon und Nikon beobachten. Bis das PEN-System umfassend aufgestellt ist, wird es noch eine harte Zeit für Olympus. Und die aktuellen Olympus-Geschäftszahlen spiegeln nur die beschriebene Problematik wieder. Haut rein, Jungs!

Wir halten es von daher für sehr wichtig, dass Olympus allerschleunigst technologisch zu Panasonic aufschließt, vielleicht auch etwas andere Nischen bedient, aber dann bitte auf gleichem technologischen Niveau (siehe AF / Video etc.).  Wir wir schon vor etlichen Monaten in einem Beitrag der Rubrik “Meinungen und Kommentare” bemerkten, wäre es auch schön, wenn Olympus und Panasonic sich nicht regelmäßig darin ergehen würden, den Markt mit Objektiven in der gleichen Brennweitenklasse zu versorgen. Wie schön wäre es, wenn man sich diesbezüglich ergänzen würde.

Wir wollen aber auch nicht verheimlichen, dass wir an diversen Ecken und Enden erfahren haben, dass es im kommenden Frühjahr mit neuen PENs wohl weiter geht. Vielleicht im integriertem Sucher im Stil einer Fuji X100? Das wäre doch mal was.

Samsung – Kontinuität geht weiter

Samsung hat seine NX Serie um die Samsung NX100 ergänzt, die hinsichtlich Größe und Preis das Sortiment nach unten abrundet, aber trotzdem einige interessante Features mitbringt. Als neues Bedienkonzept soll zusammen mit den ebenfalls neu vorgestellten Objektiven 1:2,8 20 mm Pancake und 1:3,5-5,6 20-50 mm Zoom die iFunction Taste dienen, bei dem der Entfernungsring der Objektive als Einstellrad dient. Ein durchaus interessantes Konzept, das die Bedienung der Kamera vereinfacht. Wir sind sicher, dass von Samsung im kommenden Jahr noch einiges von sich hören lassen wird. Was uns besonders gut bei Samsung gefällt: Die Gehäuse wirken haptisch sehr wertig und sind sehr gut verarbeitet. Davon könnte sich der ein oder andere Hersteller eine Scheibe abschneiden.

Sony – Zwischen den Neuigkeiten

NEX-3 und NEX-5 sind am Markt etabliert und der Markt wartet dringend auf die Erweiterung der Objektivpalette. Sony hat auf der Photokina in Köln einen Ausblick auf die kommenden Objektive für das Sony-NEX (E-Mount) gegeben. Sieben neue Objektive und weiteres Zubehör sollen bis 2012 verfügbar sein. Nächstes Jahr sollen ein  Weitwinkel mit fester Brennweite von Carl Zeiss, ein Telezoom sowie ein Makro- und ein Portrait-Objektiv erscheinen. Im darauf folgenden Jahr kommen dann ein Standardzoom, ein mittleres Teleobjektiv und ein Weitwinkelzoom. Man könnte meinen, Sony habe auch unseren NEX-Testbericht gelesen, denn unser dringender Wunsch nach Belegung der Softkeys geht schon ab Mitte Oktober mit einer neuen Firmware in Erfüllung. Nein, so vermessen sind wir nicht, schließlich waren wir nicht die Einzigen, die die Belegung der Softkeys kritisiert und für eine freie Belegbarkeit der Tasten plädiert haben. Aber schön ist es doch, dass Sony auf Kundenwünsche hört. Respekt!

Ein Firmware-Update, das ab Mitte Oktober 2010 verfügbar sein soll, wird die beiden aktuellen NEX-Modelle um neue Funktionen erweitern. So wird bei der Nutzung von α Objektiven mit SAM- und SSM-Antrieb über den Objektiv-Adapter LA-EA1 nun auch der Autofokus-Betrieb unterstützt. Außerdem können den Softkeys häufig verwendete Funktionen benutzerdefiniert zugewiesen werden – des weiteren erlaubt das Update auch die Möglichkeit der manuellen Blendeneinstellung bei der Aufnahme von Videos. Ein entsprechendes Update für die NEX-VG10 ist ab Mitte November 2010 verfügbar.

Leica – Gepflegte Langweile aus Hessen

Von Leica hätten wir eigentlich eine neue spiegellose Systemkamera erwartet oder einen Nachfolger bzw. eine Erweiterung der X-Serie.  Aber nein, es dauert noch etwas. Leica ist diesbezüglich ein wenig in Verzug, zumindest, wenn man den Kunden zuhört. Während bei der letzten Photokina noch groß die Zukunft des R-Systems beschworen wurde, wurde ja die R-Modellreihe zwischenzeitlich klammheimlich eingestellt und alle “Reste” aus der Lagerhaltung an einen süddeutschen Händler verkauft. Okay, wir müssen zu Kenntnis nehmen, dass Leica wahrscheinlich den finanziellen Exitus erlitten hätte, wenn sie am R-System weiter festgehalten hätten. Die Leica M9 verkauft sich immer noch wie geschnitten Brot und die Produktion in Solms kommt kaum hinterher.

Frischer Wind am Markt dürfte Leica bei dem X-System ins Gesicht blasen. Fuji ist mit der X100 auf der Bühne aufgetaucht, und wir haben selten so viel Interesse an einem neuen Produkt auf der Photokina und in Internetforen wahrgenommen wie bei der Fuji X100. Und sonst: Sonst ergeht sich Leica in der üblichen gepflegten Langeweile, die man von der Solmser Manufaktur schon kennt: Es werden zwei umgelabelte Panasonic-Kameras verkauft und ein Sondermodell der M9 heraus gebracht, aus Titan mit Titan-Optik für läppische 22.000 Euro. 500 Stück. Alle schon verkauft. Gratulation! Klappt ja immer noch. Die technische Weiterentwicklung der neuen M9 beschränkt sich darauf, dass man das Beleuchtungsfenster für die Sucherrahmen weglässt und dafür dort eine Leuchtdiode einbaut. Grandios. Und für das Design dieses Sondermodells hat man dann den Chefdesigner eines deutschen Automobilkonzerns ins Boot geholt, der seit geraumer Zeit dort schon für sein innovatives, spannungsgeladenes, dynamisches, Kraft und Stärke verkörperndes Design geschätzt wird. Die M9 ist jetzt so spannend wie ein Golf GTI oder Audi A3. Mit D&W-Tuningteilen. Klasse. Aber wenn´s Geld ist die Kassen der hessischen Manufaktur spült und die Entwicklung eines ausgereiften EVIL-Systems fördert – bitteschön. Hauptsache ist, dass Leica demnächst mal ein wenig langfristigere Perspektiven bietet. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 20 Jahre und der Größe des Unternehmens muss Leica sich schon genau überlegen, was der nächste Schritt ist; und wir hoffen da auf ein (bezahlbares) System, das Zukunftsperspektiven aufzeigt.

Fuji – Der Hecht im Karpfenteich

Also mal ganz ehrlich: Wer hat schon an Fuji gedacht, wenn es um das Thema Photokina ging? Genau! Niemand. Und Fuji hat uns alle überrascht. Die angekündigte X100 sieht gut aus, nahezu wie eine klassische Leica. Sie bietet ein neues, innovatives Sucherkonzept, das man eigentlich auch von Leica erwartet hätte. Und sie scheint damit den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Und das, obwohl sie nur eine Festbrennweite bietet. Dafür aber lichtstark und wahrscheinlich in der von Fuji bekannten Qualität. Also auch Leica-like. Kann es sein, dass viele Kunden mit ein wenig mehr Anspruch an die Bildqualität eigentlich keine rundgelutschten Designideen sehen wollen? Dass sie endlich mal wieder eine Kamera kaufen wollen, die auch wie eine gute, klassische Kamera aussieht? Wie auch immer: Stimmt die Bildqualität und die Funktionalität der Kamera, dann wird sie ein Renner. Leider müssen wir noch 6 Monate warten, was, wenn man den Äußerungen in einigen Fotoforen Glauben schenken darf, nur mit großen Schmerzen zu ertragen sein wird. Und wird sie dann wirklich so ein Erfolg, wie wir das erwarten, dann muss Leica nachlegen, sonst wird die X1 zum Ladenhüter. Roter Punkt und moderneres Design hin oder her.

Canon & Nikon – The same procedure as every year (as every Photokina)

Wer von diesen zwei Marktbegleitern irgendwelche neuartigen Innovationen erwartet hat, ist doch selber schuld. Produktpflege ist angesagt, im üblichen Stil. Gähnende Langeweile, die nur eine Firma wie Leica noch zu übertreffen vermag. Nikon und Canon werden den EVIL-Markt ganz vorsichtig angehen und sich genau überlegen, wie und in welchem Segment sie auftreten. Beide Firmen haben einen extrem großen Marktanteil am Fotomarkt; und den gilt es zu sichern. Wenn man etwas Neues macht, möchte man damit wachsen, ohne die bestehenden Marktanteile zu kannibalischeren. Von Nikon hört man schon etwas von einem EVIL-System mit einem ganz kleinen Sensor; Canon dagegen verkündet, dass man das bestehende EOS-System noch viel kleiner bauen könne. Glaubt man hingegen den Analysten und Fachleuten im Fotomarkt, dann sind die Zeiten der Spiegelreflexkameras gezählt, und zwar kurzfristig im Einstiegssegment, mittelfristig jedoch auch im Mid-Range-Bereich. Die Zukunft gehört den spiegellosen Systemkameras. Und nicht etwa, weil sie spiegellos sind oder neuer, sondern weil sie kleiner sind, ohne große Einbußen in der Bildqualität zu haben. Und weil sie die gleiche Systemflexibilität bieten wie heutige DSLR-Systeme. Wenn das stimmt, und wenn es sich genau so entwickelt, dann agieren Canon und Nikon genau falsch: Denn der Kunde wechselt ganz schnell das System, wenn es nichts Interessantes gibt. Das wäre nicht das erste Mal. Sowohl Canon als auch Nikon haben damit ja in den letzten 20 Jahren die ein oder andere Erfahrung gemacht.

Ach ja, beinahe hätten wir es vergessen:

Das ganz große Messethema: 3D – Die Zukunft ist dreidimensional…

Am Morgen des 21. September 2010 wurde man in den Nachrichten des WDRs damit begrüßt, dass die weltgrößte Fotomesse, die Photokina in Köln, ihre Pforten geöffnet hätte und dass sich in diesem Jahr alles um 3D drehen würde. Eine spontan initiierte Umfrage bei Arbeitskollegen und Freunden, brachte aber leider eine ganz andere Aussage: 3D? “Nö, kein Interesse.” – “Ist ja ganz nett – brauch ich aber nicht”. Es war niemand zu finden, den das Thema wirklich näher interessierte.

Quelle: Wikipedia

Wir postulieren mal ganz frech: 3D wird zwar nicht wieder verschwinden, aber ein Nischendasein pflegen. In der Film-Industrie wird es parallel zu normalen 2D-Filmen gepflegt werden – aber sonst? Es ist ja nicht so, dass die Foto- und Film-Kunden seit Jahren 3D fordern. Vielmehr scheint dies ein “Trend” zu sein, den die Industrie initiiert hat. Vornehmlich auch diejenigen, die ihre neuen 3D-Fernseher unters Volk bringen möchten.

Übrigens: 3D war vor ziemlich genau 100 Jahren schon mal ein ganz großer Hype. Fotos wurden stereoskopisch angefertigt und konnten mit einer speziellen Doppellupe betrachtet werden. Im Bereich der Akt-Fotografie hielt sich seinerzeit der Trend ein wenig länger. Das lag aber wohl eher an den zu betrachtenden “Inhalten”. Danach war 3D immer wieder ein Trend, um anschließend auch immer wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Nicht mehr und nicht weniger.

Das war´s erst einmal mit der Photokina 2010. Aber Ihr wisst ja: Nach der Photokina ist vor der Photokina, bzw. vor der PMA. Und da erwarten wir schon wieder einige interessante Neuerungen im Systemkamera-Markt. Und wenn wir von Systemkameras reden, dann meinen wir keine DSLRs.

Andreas & Jens
Systemkamera-Forum

Über den Autor

Jens Michael Schuh lebt in Bochum und ist selbständiger Informatiker und Inhaber von TryTec! Microsystems, einem Apple-Systemhaus. Er betreibt zusammen mit Andreas Jürgensen das Systemkamera-Forum und das Fuji X Forum.

Ähnliche Artikel

2 Responses

  1. kafenio Sep 29, 2010 - Reply

    eine schöne zusammenfassung!

    genau das war auch mein eindruck der messe. toll zusammengefasst und auf den punkt gebracht! prima arbeit.

  2. Paul Bänziger Sep 29, 2010 - Reply

    Obwohl ich auch die Photokina besuchte, habe ich mit grossem Interesse Ihr Review gelesen, welches sich mit meinen Eindrücken und Einschätzungen weitgehend deckt.
    Die Panasonic GH2 wird zwar etwas zu reichlich mit Lorbeeren bedeckt (Ich nenne das Modellpflege; bzw. mit der Nummer 2 kommt schliesslich das, was schon bei Nummer 1 vorhanden gewesen wäre. Aber im heutigen Elektronik-Marketing läuft’s nun mal so und die Journalisten kriegen regelmässig Ihr neues Häppchen…).
    3D ist meiner Meinung nach auch alter Wein in neuen Schläuchen. HD war da viel bemerkenswerter (und längst fällig). Ist wohl ganz nett, ich habe jedoch kein Verlangen in derartige Hardware zu investieren, obwohl demnächst ein neuer Fernseher angeschafft wird.

Schreib eine Antwort