August 11, 2010
RAW, JPGs, Fotoinhalte und Systemkameras
Meinungen & Kommentare 08/2010 Nr.1
Weniger? Mehr? Wieviel?
Je nach Kamera kann RAW schon einiges mehr aus der Bild herausholen, besonders dann, wenn es um Weißabgleich und Belichtung geht. Viele Kamera-Prozessoren haben ja auch nur eine begrenzte Rechenleistung und müssen mit Speicher und Rechenleistung entsprechend effizient umgehen, um die maximale Bildfolge zu gewährleisten. Je weniger internen Speicher eine Kamera hat, um so wichtiger ist es, dass z.B. die JPGs sehr schnell aus den RAW-Daten errechnet werden, damit die Bildfolge trotz geringen Pufferspeichers erst nach mehreren Aufnahmen einbricht.
Wenn der Weißabgleich und die Belichtung halbwegs stimmen, produzieren heute viele Kameras sehr, sehr gute JPGs. An diesen JPGs gibt es kaum etwas auszusetzen, sofern man die Parameter in der Kamera zur Bildbeeinflussung (Schärfe, Kontrast, Farbe etc.) auch sinnvoll gewählt hat. Mir fällt es von Jahr zu Jahr schwerer, überhaupt noch über RAW-Konvertierung nachzudenken, weil der Aufwand, gerade bei Viel-Fotografen, zeitlich doch nicht unerheblich ist und die produzierten JPGs im Laufe der Jahre verdammt gut geworden sind. Da ich weder beruflich noch professionell fotografiere, verwende ich RAW nur noch bei extremen Lichtsituationen, sonst überhaupt gar nicht mehr. Ich finde die RAW-Fotografie in der Masse nur noch nervig und mag mir die Speichermenge, die meine Fotos als RAW – und dann noch in der endgültigen bearbeiteten Version – zusätzlich verbrauchen, einfach gar nicht erst vorstellen. Das kann aber an meiner persönlichen Vorliebe liegen, alle Fotos zusammen und nicht verteilt über mehrere Festplatten vorzuhalten.
Natürlich kann man noch verschiedene andere Aspekte betrachten: Datentiefe (8-Bit / 16-Bit), Übergänge von Farbverläufen, Komprimierungsqualität, etc. Vieles davon kann ich am Bildschirm in der berühmten 100% Darstellung sehen, später auf dem Ausdruck jedoch nicht mehr. Da RAW-Dateien ja herstellerspezifische Formate sind, sollte man sich im Hinblick auf einen Zeitraum von 2-3 Jahrzehnten auch Gedanken dazu machen, ob nicht gleich die Konvertierung in ein etwas mehr standardisiertes Format (z.B. DNG) sinnvoll ist. Die digitale Revolution frisst nämlich auch in Zukunft noch ihre Kinder, wie wir es schon bei dem einen oder anderen Hersteller in den letzten 10 Jahren erleben durften.
Zudem ist es einfach ein Fakt (ich glaube, so habe ich es auch schon in der Definition der Testkriterien erwähnt), dass nur gut 5 Prozent der Kameranutzer überhaupt mit RAW arbeiten, und sich ein nicht unbekannter Kamerahersteller schon die Frage gestellt hat, ob er angesichts dieser Zahlen überhaupt noch RAW anbieten soll…
Zudem sollten wir uns eines weiteren Punktes immer bewusst sein: Mit RAWs zu arbeiten bedeutet auch immer: den schnellsten Computer einzusetzen, sehr viel mehr Speicherplatz zu benötigen, sehr viel mehr und größere Backups haben zu müssen. Der Workflow sollte, auch hinsichtlich des Farbworkflows, von vorne bis hinten professionell gestaltet werden. Wenn die Verwendung von RAW also nicht zur Beruhigung des eigenen Qualitätsgewissens dient, dann muss konsequenterweise sehr viel mehr investiert werden: Zeit, Geld und Equipment. Und wenn das Thema ernst genommen wird, dann sollten auch nicht alle RAWs mit den gleichen Einstellungen “mal durch den Konverter” gejagt werden. Eigentlich ist dann, wie früher in der Dunkelkammer, eine gezielte Einzelbearbeitung notwendig.
Was aber bleibt: Mit jedem Update eines RAW-Konverters, von denen es ja verschiedenste mit unterschiedlichsten Stärken und Schwächen gibt, keimt auch die Frage auf, ob diese neueste Konverter-Blackbox nicht vielleicht doch noch mehr aus meinem RAW von gestern, vorgestern oder aus dem Material von vor 5 Jahren heraus holt. Nimmt man das Thema aus Gründen der Qualität wirklich ernst, müsste man regelmäßig alle bereits einmal konvertierten RAWs noch mal einer Behandlung mit der neuesten Konverterversion unterziehen. Mache ich das aber nicht, so muss ich mir auch die Frage gefallen lassen, warum mich die Qualität, die ich vor 1, 2 oder 5 Jahren erreicht habe, plötzlich hinreichend befriedigt; gleichzeitig aber weiterhin immer die neueste Kamera, der neueste Konverter, die neueste Optik-Rechnung angeschafft wurde, “um bessere Fotos zu machen”. Wenn ich mir darüber Gedanken mache, so bin ich nämlich gleich bei einer weiteren Beobachtung:
Werden wir in der Betrachtung der Thematik mal ein wenig boshafter…..
In meinem Fotoumfeld fällt mir zunehmend auf, dass diejenigen *Hobbyfotografen*, die die fettesten Fotoausrüstungen durch die Landschaft schleppen und dabei Werte in der Fototasche tragen, für die sich andere Menschen ein Auto kaufen würden, auch zunehmend dem Irrglauben hinterher rennen, dass alleine eine (technisch) gute Kamera, die die neuesten Technologien enthält, auch dafür sorgt, dass gute Fotos gemacht werden.
Dazu gehört natürlich auch, dass Fotos nur gut sein können, wenn sie in “RAW” entstanden sind. Ein Foto ist “per se Dreck”, wenn es als JPG entstanden ist.
Diese Leute schleppen solche Ausrüstungen durch das Land, von denen mehrere mir persönlich bekannte Berufsfotografen sagen: “Das brauche ich nicht, ist doch Quatsch. Ich quäle mich damit doch nicht ab, dadurch wird kein Foto besser, wenn ich das nächst größere Kamera-Modell und noch mal 5 Optiken mitnehme”. Bis auf einen Studiofotografen in meinem Fotokreis fotografiert keiner der mir bekannten Berufsfotografen (Outdoor) freiwillig durchgehend mit RAW. Gelegentlich schon, aber eher selten. Je nach Erfordernis. Für den Großteil der Hobbyfotografen, die ich ja ebenfalls kenne, ist jedoch das RAW-Format unabdingbar, um überhaupt ernst genommen zu werden und auf den Fotos etwas erkennen zu können. Ohne Unterlass werden Unmengen an Fotos im “Profi-Format” RAW erfasst; im Halbstundentakt werden die neuesten, schnellsten und größten gerade verfügbaren Speicherkarten in der Kamera gewechselt und im “Dauerfeuermodus” die Welt scannerartig erfasst. Und dann gibt es auch noch die andere Fraktion: Fotos können ausschließlich mit Stativ erstellt werden, Blende und Zeit müssen zwingend manuell eingestellt werden – aber bitte erst, nachdem man mit einem Spot-Belichtungsmesser das gesamte Szenario der Aufnahme “abgemessen” hat. Und wehe! es ändern sich die Lichtbedingungen. Anschließend wird von man von dieser Gruppe mit “großartigen” FineArt-Prints belästigt, die vieles zeigen, auch tolle Auflösung, großartige Tonalität und vieles mehr. Doch leider zeigen sie (wie bei der erst genannten Fraktion) genauso wenig gute Fotos, tolle Motive, ein Blick für eine Situation, den entscheidenden Augenblick, oder einfacher gesagt: Inhalte, die ein Foto wert sind.
Ich scheue mich natürlich nicht, frech wie mich ja einige schon kennengelernt haben, darauf hinzuweisen und zu fragen, was die Fotos zeigen würden, warum sie nicht “sprechen”, und dass immer noch der Kopf hinter Kamera die Aufnahme macht. Nicht selten mutieren dann die stolz gezeigten Fotos zu “Testfotos”. Nur um mal zu zeigen, was möglich ist. Das, was möglich ist, entsteht so ganz nebenbei natürlich immer im RAW-Format.
Ich gebe zu, ich habe mich mehr als ein Jahrzehnt in der ersten Gruppe aufgehalten und ein paar Jahre in der zweiten Gruppe. Ich habe die Luft beider Fraktion tief eingeatmet und aufgenommen. Und ja, RAW war lange nötig, damit meine Fotos vermeintlich besser wurden. Wurden sie aber nicht. Und ja, ich höre schon wieder all die Argumente: “Dann zeig doch, dass Du es besser kannst!”, und ich höre mich antworten, dass ein Restaurantkritiker nicht kochen und ein Kunstkritiker nicht malen können muss.
Fakt ist aber folgendes: Seit ich mich von meinem Mörderequipment (DSLRs, 12 Kg-Rucksack etc.) getrennt habe; seit ich nicht bei jeder Fototour mit Stativ, externem Belichtungsmesser, den besten “Optiken der Welt” und endlosen Belichtungsreihen durch die Pampa laufe; und seit ich mit Micro FourThirds arbeite, geht es mir einfach besser. Dazu gehört eigentlich für mich auch, um zum Ausgangsthema zurück zu kommen, der Verzicht auf RAW. Es macht sogar wieder Spaß.
Auch Inhalte in meinen Fotos finde ich jetzt häufiger als jemals zuvor. Nicht häufig genug, aber ich erkennen positive Tendenzen. Manchmal laufe ich sogar mit einer 73 Jahre alten Kamera (Leica III) herum und fotografiere mit Film.
Die Erkenntnis, das kein RAW-Format, kein noch so schneller Autofokus, keine noch so schnelle Bildfolge, und auch kein noch so gutes und teures Objektiv jemals ein besseres Foto hervorgebracht haben, ist erstmal schmerzhaft. Aber die Rückbesinnung darauf, dass ausschließlich der Kopf hinter der Kamera – und nicht die neueste und tollste Technik – zu 99,9% ein gutes oder schlechtes Foto ausmachen, hilft vielleicht auch dem einen oder anderen dabei, die schönen neuen Systemkameras als technischen Mittelweg zur Konzentration auf das Wesentliche zu verstehen: Ein Werkzeug, mit dem ich als Fotograf erstmal wieder lerne, die Welt um mich herum zu entdecken. Durch das ich entscheidende Augenblicke sowohl wahrnehme als auch erkenne: Mit dem ich einen “fotografischen Blick” entwickle. Und durch das ich vor allem mit etwas mehr Muße an die Sache herangehe.
Weniger ist manchmal mehr.
Carpe diem!
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Jens-Michael Schuh
Systemkamera-Forum
Geschrieben von: Jens-Michael Schuh
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Tags: DNG, evil, Fotoinhalte, JPG, RAW, Systemkameras
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takatuka
12. August 2010 um 14:23
Der Formfaktor-Unterschied von DSLR und mFT ist unbestritten, und dass die neue “Leichtigkeit” für den einen oder anderen befreiend wirkt und hilft sich wieder auf das Sehen zu konzentieren scheint mir plausibel. Ja, habe sogar eigene Erfahrungen, wo mir die Beschränkung auf ein kleines Pfannkuchenobjektiv ähnliche Freiheiten gegeben hat.
Was das mit der Dateiformatdiskussion zu tun hat? Nichts, aber rein gar nichts!
Raw behindert nicht. Raw macht nicht mehr Arbeit beim Aufnehmen. Und wenn man es richtig macht und eine gescheite Workflow-Software benutzt, dann macht Raw auch nicht mehr Arbeit bei der Nachbearbeitung.
Aber Raw gibt alle Optionen für eine excellente Verfeinerung der Aufnahmen.
Die Kernfrage lautet doch: spielt die Bildqualität eine Rolle?
Antwort:
Nein -> dann knipse ich JPG mit dem Handy
Ja -> dann nehme ich Raw-Formate mit meiner Evil Kamera auf.
Systemfan
12. August 2010 um 14:48
Oh ja, Jens, ich habe Deine Leicazeit parallel auch so erlebt und mich mitunter schmunzelnd abgewandt, sowohl bei Lektüre des einschlägigen Forums als auch in Natura.
Dennoch muss der Einsatz hochwertiger und vielseitiger Ausrüstungen nicht zwingend zu schlechteren Bildern führen
es gibt natürlich auch positive Beispiele.
DonParrot
12. August 2010 um 15:20
Da möchte ich mal ganz laut applaudieren!
Ich habe zwar nicht die von Dir erwähnten Jahrzehnte in oben genannten Gruppen verbracht, habe aber sehr schnell (spätestens nach erwerb der E-30) für mich festgestellt, dass mir die JPEGs in 99 Prozent aller Fälle völlig reichen – und dass die sich auch noch gut bearbeiten lassen, falls ich es denn mal für nötig halten sollte.
Den Rest meiner für die Fotografie zur Verfügung stehenden Zeit nutze ich lieber fürs Schießen von Fotos statt für die EBV.
Gut, vielleicht kommt irgendwann die Zeit, wo ich Spaß daran haben werde, meine Bilder künstlerisch zu verfremden. Dafür stellt ein RAW vermutlich die bessere Ausgangsbasis dar. Doch bis dahin halte ich es wie Du und schieße nur bei schwierigen Lichtverhältnissen auch noch RAWs zu meinen JPEGs.
Peter Daub
13. August 2010 um 00:25
Mit jpeg kann man hervorragende Fotos machen. Und in 90 Prozent aller Fotos bringt ein RAW vielleicht äußerst wenig. Trotzdem fotografiere ich ausschließlich RAW und zwar hauptsächlich aus den Gründen:
Ich gewinne nichts, wenn ich von vorne herein den Tonwertbereich drastisch und ohne Not beschneide.
Ich kann bei jedem Bild frei und differenziert entscheiden, welche Spitzlichter ausreißen und wie der Tonwertverlauf ist; bei jpeg entscheidet das die Elektronik.
Wenn ich ein Bild nicht mit wenigstens 1 Minute konvertieren und einstellen will, dann ist es mir auch offenbar nichts wert. Dann sollte ich dringend weniger Aufnahmen machen (Achtung: Gilt nur für mich)
Es ist allerdings auch anzuraten, sich von Zeit zu Zeit selbstkritisch zu hinterfragen, ob man die Vorteile von RAW überhaupt rauskitzeln kann. Bei der heutigen Jpeg-Qualität ist das nicht von vorne herein selbstverständlich.
Peter
Jack
13. August 2010 um 20:55
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher das Märchen mit dem gesteigerten Arbeitsaufwand für EBV bei den RAWs kommt? Das stimmt so einfach nicht (zumindest nicht wenn man geeignete Software verwendet)! Ich fotografiere mit der G1 nur in RAW und verwende für Entwicklung und Verwaltung Aperture auf meinen Macs. Für die G1 ist von vorneherein ein Preset dabei, das automatisch auf die importierten RAWs angewendet wird. Ich mache dafür keinen einzigen Finger krumm! Und das beste an der Sache: Die Qualität der so entwickelten RAWs ist erkennbar besser als bei den OOC-JPGs. Und wenn es dann erforderlich ist, dann ist in den Bildern noch eine Menge Potenzial für Optimierungen. Und da Speicherplatz heutzutage kaum noch was kostet, sind JPGs für mich definitiv keine Option mehr.
Jack
HDG
14. August 2010 um 16:58
Was Jens feststellt, würde ich inzwischen (fast) zu 100% unterschreiben. Ich benutze meine dicke “Ausrüstung” praktisch nicht mehr, seit ich eine G1 besitze, über deren Preis ich früher laut gelacht hätte.
Allerdings werde ich das RAW garantiert beibehalten. Es eröffnet mir einfach – auch nach der Aufnahme – noch viele, für mich doch ziemlich wichtige Möglichkeiten.
Auch ich bin nur ein Hobby-Fotograf, vielleicht ein Semi-Profi, wie man heute so sagt. Ich liebe es, diffizilere (Landschafts-)Bildchen zu machen und das auch bei der G1 im manuellen Modus (wie bei meiner Dicken). Genau hier denke ich, ist RAW noch angezeigt. Der Zeitfaktor für die Bearbeitung würde ich zwar unterschiedlich groß ansetzten, er hält sich nach 5 Jahre einschlägiger Erfahrung aber in Grenzen.
MfG Dieter
Ralf
14. August 2010 um 22:19
Wie wahr, Du sprichst mir aus der Seele! Tut gut, sowas zu lesen…!
acahaya
15. August 2010 um 11:24
Wenn man die Frage JPG vs RAW mal pragmatisch betrachtet, dann stellt man fest, dass jedes der beiden Formate Vor- und Nachteile hat.
Bei einer Kamera mit guter JPG Engine und funktionierendem Weissabgleich brauchen die meisten Bilder keine großartige Nachbereitung. Sie sind zudem sofort verfügbar und benötigen wenig Speicherplatz.
RAW bietet wesentlich bessere Möglichkeiten für die Nachbearbeitung und man kann auch aus einem an sich gut belichteten Bild individuell noch eine Menge herausholen, insbesondere dann wenn man die konvertierten RAWs als Basis für eine PS Nachbearbeitung verwenden will.
Was spricht also dagegen, JPG + RAW aufzunehmen und nachher nur die RAW Dateien zu behalten, die man braucht, weil man entweder korrigieren muss oder weil man einzelne Bilder wirklich nachbearbeiten will? Die restlichen RAWs kommen in die Tonne oder ggf. auf eine externe Festplatte, 1TB kostet ja nun wirklich nicht die Welt.
Meine Praxis sieht so aus, dass ich mit meinen Models direkt nach dem Shooting die JPGs durchgehe und ihnen diese auch gleich auf CD brenne. Sie haben gleich etwas zum mitnehmen und ich kann mich beim Photoshoppen auf die wirklich guten Bilder beschränken, von denen ich dan wirklich jedes einzelne mit individuellen Parametern konvertiere.
Gleiches gilt für Events, Familienfeiern und Urlaube. Konvertiert und Nachbearbeitet wird nur, was den Aufwand wert ist, ansonsten kann man auch bei JPGs mal eben beschneiden und ggf. die Farben ein wenig korrigieren.
Wer sein Werkzeug kennt, verwendet immer das für die Situation und Aufgabenstellung passende aus, auf die Fotografie übertragen bedeutet das, dass sowohl RAW als auch JPG ihr Berechtigung haben. Wer glaubt, sich auf ein einziges Format festlegen zu müssen und dieses auch noch fanatisch missioniert, verschwendet entweder seine Zeit oder verliert Optionen.
Gleiches gilt für die Wahl der Kamera und der Objektive, manchmal ist auch eine Kompaktkamera oder ein Fotohandy das geeignetste Werkzeug. Allerdings nur dann, wenn sich der Fotograf durch seine Bilder definiert und nicht durch seine Ausrüstung
Was die Forderung nach bestmöglicher Bildqualität angeht: Diese spielt eigentlich nur in techniklastigen Foren eine wirklich große Rolle. Es scheint wirklich eine Menge Fotografen zu geben, die gerne Backsteinwände und Nachbars Hausdächer in 200% Ansicht ansehen und vergleichen. Vielleicht verdirbt das auf die Dauer den Blick für echte Bildinhalte … aber solange es den Leuten Spass macht, hat auch das seine Berechtigung.
henr07
17. August 2010 um 18:34
Als die Bilder Farbe bekamen, die auch ein Amateur in der Dunkelkammer ohne mehrere Probebelichtungen beurteilen konnte, explodierten die Angebote verfremdender Filter und Effektlinsen.
Man hätte doch alles im Labor erledigen können. Ein unverfälschtes Dia ergab auf Anhieb auf CIBACHROM respektable Ergebnisse.
Es war grausam, was da so zum Vorschein kam:
Farbverläufe, die keinen Sinn ergaben.
Sterngeglitzer, vier- und sechsstrahlig, und so weiter.
Ein Originalmotiv soll technisch so viel Bildinformation bieten, daß man damit arbeiten und spielen kann. So kann ein Motiv hernach mit Herzenslust verfremdet werden.
Und auch im Digital-Labor lassen sich unendlich viele Effekte erzielen, schneller, ohne Entwickler, Stopbad, Wässerung und Trocknung.
Voraussetzung ist ein technisch unbeschnittenes Foto, um davon viele verschiedene Eindrücke zu erstellen.
Ein kastrierter Hengst macht keine Fohlen mehr.
Kalli
29. September 2010 um 11:25
Mir scheint die JPEG – RAW Diskussion eine ähnliche wie die MP3 – Lossless Diskussion im Audio-Bereich. Ich kann mich hier nur jenen Positionen anschliessen, die versuchen, klarzustellen, dass “das Medium nicht die Message ist”. Inhalte vermitteln sich nicht nur über die Technik und technisch perfekte Aufnahmen – ob akkustisch oder visuell können – offen gesagt – total langweilig sein. Es gilt abzuwägen, was man mit seinen Aufnahmen erreichen/zeigen will. Muss eine Live-Aufnahme der Stones aus den 70ern “lossless” erhalten werden, wenn es sowieso nur eine Sound-Board-Aufnahme des damaligen Techniker ist?
Aber: Was wären die Farb-Aufnahmen eines William Eggleston oder Joel Meyerovitz ohne ihre individuelle Entwicklung und die perfekte Technik? Jeder Fotograf muss für sich selbst entscheiden, wie er seine Bilder und was er mit ihnen zeigen will und dann die für ihn richtige Technik finden und wählen. Streitet nicht, Leute, macht Bilder!
specialbiker
7. Oktober 2010 um 09:04
Mir erscheint RAW in der Verarbeitung nicht aufwendiger als JPG, entlastet mich aber in der Aufnahmesituation. Weißabgleich – Schärfe – Kontrast: Alles wichtige Einstellungen, aber bitte nicht zum Zeitpunkt der Aufnahme, bei der ich mich ganz aufs Motiv konzentrieren möchte.
Ein RAW File zu verarbeiten bedeutet für mich nicht mehr Zeitaufwand als ein JPG “geradezubiegen”. Zudem arbeite ich oft in Bildserien (verschiedene Aufnahmen unter identischen Licht / Motiv-Bedingungen) und kann eine RAW Entwicklung auf die Serie automatisch übertragen. Bei JPGs werkelt u. U. der Weißabgleich der Kamera , so dass jedes Bild individuell nachbearbeitet werden muss – für mich ganz klar Mehraufwand.
Die Verarbeitung meiner RAWs erfolgt in Aperture 3.0.3. Es ist mir aber auch klar, dass meine Aussagen zur Zeitersparnis bei vielen Konvertierungstools, die es so gibt, nicht zutreffen. Was mir vom Workflow auch sehr zugesagt hat war Lightroom, nur die Schnelligkeit, mit der ich bei Aperture zu einem Ergebnis komme, hatte ich mit LR nie. Dennoch ein Topprodukt, mit dem sich diejenigen, die bei RAW von Mehrarbeit ausgehen, einmal kurz befassen könnten / sollten.
Fazit: Mit RAW spare ich Zeit. Zudem erhalte ich die Originale (“Negative”) meiner Aufnahmen: Mehr als einmal ist mir passiert, dass ich die Verarbeitung meiner Fotos geändert habe (um z. B. den gesteigerten Farbraum meines neuen iMac-Monitors auszuschöpfen) und froh war, auf unbehandelte Originale zurückgreifen zu können.
tackleschlepper
4. November 2010 um 08:32
Hallo!
Endlich mal ein Artikel der dieses leidige Problem auf den Punkt bringt.Natürlich muss dieses Thema kontrovers gelesen werden aber für mich stimmt es so wie Jens-Michael Schuh sich ausdrückt bis auf den letzten Buchstaben.
auch ich bin ein umsteiger,auch ich habe eine DICKE Ausrüstung gehabt.Auch ich bin ein Objektivsammler gewesen.
Aber auch ich bin es leid soviel Kilo durch die Gegend zu schleppen,angefangen vom Giotto Stativ bis letztendlich zu den schweren L Objektiven.
Und die Betrachtungsweise zum Thema RAW könnte meine eigene sein.Da spricht der Artikel mir quasi aus der Seele.Danke dafür und er hat mir sehr gefallen,einfach weil ich es ein wenig genauso sehe.
kbaerwald
17. November 2010 um 15:00
Wirklich neue Erkenntnisse bringt dieser Beitrag nicht: es werden auch zu viele Zutaten (“RAW, JPGs, Fotoinhalte und Systemkameras”) in die Suppe getan und umgerührt. Diese Diskussionen um Einflußnahme auf das Foto wird geführt, seitdem fotografiert wird:
- Groß/Mittelformat vs. Kleinbild (kein Stativ, Reportagefotos)
- Negativfilm vs. Sofortbildfotografie (schnelles Ergebnis ohne Labor)
- Schwarzweißfilm vs. Farbfilm (hat es da Diskussionen gegeben!)
- Entwicklung per Fotoversand vs. Entwicklung im eigenen Fotolabor
u.s.w.
Kein Technik ist “besser” als die andere: es kommt doch darauf an, welches Ziel der Fotograf mit der Aufnahme erreichen möchte. Technik soll unterstützen und nicht behindern, also wähle ich das, was mir nützt.
Klaus
Rich
7. März 2011 um 14:55
Eine Wohltat, dieser Artikel! Vielen Dank
Rich
Joseph Beus
4. Mai 2011 um 13:17
Super Artikel-
gleiche Wellenlänge…
aber immer daran denken,schwere Kamera heißt großer Penis,daran wird sich nichts ändern,u.a. weil auch der Kunde dies so will…….
Fotomann 2
7. Juli 2011 um 21:17
RAW und jpg ist wie Theorie und Praxis.
In der Theorie bietet RAW sicher einiges,
in der Praxis ist für 99% der Bilder jpg ausreichend.
KlausCR
9. Juli 2011 um 02:11
Tja Jens, nun jährt sich Dein Artikel bald und hat doch nichts von seiner Aktualität verloren. Vieles hat sich inzwischen bewegt, vor allem auf technischem Sektor.
Die JPEG-Engines der Kameras werden immer besser, allen voran zurzeit Fuji’s FinePix X100, die mit verblüffenden JPEG-Ergebnissen aufwartet, die selbst die Lumix G-Serie etwas blass aussehen lässt.
Zu den Panasonic Systemkameras kam ich unfreiwillig durch die Mahnung meines Orthopäden, die Probleme mit meiner kaputten Schulter würden sich nicht bessern, solange ich darauf ständig 10 bis 15kg DSLR-Ausrüstung durch die Gegend schleppe.
Hinterher kann ich sagen: Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können! Mehr als 5kg kriege ich trotz 5 Objektiven, 2 Blitzgeräten und dem üblichen Kleinkram nicht in meine Fototasche rein. Und das Fotografieren ist plötzlich beschwingter, einfacher, macht mehr Freude. Vermutlich, weil der Horrorgedanke an die ewige Schlepperei weg ist.
Und die 445g an Zusatzgewicht, die seit kurzem zur Untermiete in meiner Fototasche wohnen, haben sich in jeder Beziehung ausgezahlt: Die Fuji X100 hat es geschafft, nicht nur mein fotografisches Verhalten zu verändern, sondern auch meine bisherige Einstellung zu kameragenerierten JPEGs.
Ich verlasse mich seitdem, allerdings bisher beschränkt auf eben diese Kamera, überwiegend auf JPEG-Aufnahmen und wechsle nur bei schwierigen Lichtsituationen zu RAW. Eben sobald ich das Gefühl habe: “Das kann die Kamera nicht mehr wuppen, da musst du selbst ran”.
Durch einen genialen Gedanken der Konstrukteure macht mir das auch richtig Spaß: Per simplem Tastendruck kann ich für jede Aufnahme zwischen RAW und JPEG umschalten.
So hilft mir die aktuellste Technik dabei, mich wieder aufs Wesentliche der Fotografie zu konzentrieren. Auf den – wie Du Jens geschrieben hattest – “fotografischen Blick”.
Fotografin aus Bayreuth
25. August 2011 um 12:54
super Artikel – danke
JPEG-Knipser
8. September 2011 um 19:26
Ein humoriger und geradezu tiefgründig philosophischer Artikel, bei dem ich für meine Person, jede Zeile nur unterschreiben kann……Danke !
Hippo
1. Oktober 2011 um 08:32
Super geschrieben Jens,
ich war früher auch mehr mit schleppen und entwickeln beschäftigt, mit JPEG und kleiner Kamera macht es MIR einfach wieder viel mehr Spaß!
Viele Grüsse,
Rainer
PS: “Spend more time shooting and less time computing!”
Melosine
7. November 2011 um 22:21
@Jens: klasse Sichtweise, mal ein freundlicher Anstoß, eigene Arbeitsweisen zu überdenken und zu diskutieren. Ich erlebe Ähnliches in der Tonstudiotechnik: kann man ja jetzt auch alles am Rechner machen, der macht den Hit quasi ganz allein. Natürlich völliger Blödsinn, die Software ist immer nur so gut, wie der, der davor sitzt.
“Let it be” von den Beatles ist aus heutiger Sicht auch tontechnisch sehr fragwürdig, aber die Aufnahme hat Seele, daß läßt sich auch auf Phototechnik und Bildqualität übertragen….
Old School
20. Dezember 2011 um 11:58
Ich hab seit meiner GF1 wieder zur “old school-Fotografie” gefunden. Vielleicht weil ich Old-School bin
Ich Fotografiere zwar nicht mehr analog aber versuche trotzdem das analoge Feeling beizubehalten, was für mich u.a. bedeutet:
- nicht wahllos rumzuknipsen nur weil meine Speicherkarte noch 400 Restbilder anzeigt, ich überlege mir was und wann ich etwas fotografiere, lasse mir Zeit.
- ich sehe mir die Bilder nicht sofort nach dem Auslösen an sondern erst zu Hause wenn ich etwas Abstand dazu gewonnen habe.
- ich benutze keine JPEGS weil ich erst in meiner Digitalen Dunkelkammer (Photoshop) alles aus dem Bild rausholen möchte, das macht einfach mehr Spaß
JPEGS vs. RAW ist für mich wie McDonalds gegen ein gemütliches selbst gekochtes Essen.
Nicht jede technologische Entwicklung ist auch ein Fortschritt für den Menschen.
Meine Gründe für o.g. Herangehensweise:
Genau diese rasende Entwicklung der letzten Jahre haben mir zu einem Burnout verholfen.
Alles ging zu schnell, immer hinterher hetzen, auf dem neusten Stand sein.
Schnellere PCs die einen zum schnelleren Arbeiten nötigen, 100 TV Programme, noch schnellerer Autofokus, ein GPS im Auto, dass einen permanent vollabert, Aufzüge die mich mit seichter Musik besäuseln usw. usw.
So ist es auch in der Fototechnik, kaum hat man sich eine Digitale geholt, ist ein Nachfolgermodell auf dem Markt, bevor man die gerade gekaufte ausgepackt hat.
Entschleunigen ist mein Zauberwort.
Aber alles nur rein Subjektiv…
Gruß